Aus dem Schreibzimmer
Willkommen in meinem kleinen Fenster zur Autorenwelt. Hier teile ich Neuigkeiten, Einblicke in meine aktuellen Projekte und alles, was mich auf meiner Reise als Autorin bewegt.
Wenn ich merke, dass eine Szene in meinem Manuskript noch keinen passenden Ort hat, landet sie erstaunlich oft dort, wo bei mir selbst etwas in Bewegung gerät - und das sind ganz bestimmte Plätze, die voller Sehnsucht und Wehmut sind.
Neblige Bahnhöfe, knarrende Bibliotheken, duftende Cafés kurz vor Ladenschluss, Hotelzimmer, Gärten im Spätherbst oder es kann auch ein Fenster in der Nacht sein.
Diese Schwellenorte sind voller Geheimnisse.
Jemand kommt gerade mit dem Zug an. Jemand muss gehen. Im Café hängen noch letzte Gespräche in der Luft. Selbst wenn niemand mehr da ist, scheint doch etwas dageblieben zu sein. Zwischen zwei Büchern im Regal der alten Bibliothek steckt ein vergessener Brief. Auf einem Dachboden schlummern ganze Lebensgeschichten. Und hinter der Tür eines Hotelzimmers könnte sich gerade ein verborgene Liebe entfalten. Als Schriftstellerin mag ich solche Orte, denn nicht nur ich kenne sie, sondern auch die Leser meiner Romane.
Ich glaube, jede Epoche hinterlässt ihre eigenen Geister. Dabei denke ich nicht an die unheimlichen Spukgespenster, sondern an die Geschichten, die nie erzählt wurden. Sie begegnen uns in vergilbten Briefen, verblassten Fotografien, in alten Häusern und in überlieferten Familienerzählungen.
Als Schriftstellerin habe ich irgendwann begonnen, ihnen zuzuhören. Wenn ich alte Bilder betrachte, frage ich mich selten, wer darauf zu sehen ist. Es tauchen andere Gedanken in mir auf. Ich frage mich, was unmittelbar davor oder danach geschah. Worüber die Menschen auf den Fotos gesprochen, worauf sie gehofft haben und was sie noch nicht wissen konnten.
Mich interessiert an der Vergangenheit nicht das, was wir wissen und historisch erforscht ist. Mein Interesse liegt an dem, was fehlt: Die Lücken zwischen den überlieferten Fakten - die Briefe, die nie geschrieben wurden - die Gedanken, die niemand festgehalten hat - und die Entscheidungen, von denen nur noch ihre Folgen übrig geblieben sind.
Normalerweise bewege ich mich ja schreibend eher in vergangenen Jahrhunderten.
In historischen Stoffen kann man zur Not jemanden verschwinden lassen, eine Kutsche anzünden oder komplizierte gesellschaftliche Intrigen lostreten, ohne dass sofort jemand sagt: „Das verstösst gegen Vorschrift XY.“
Umso spannender ist es gerade, gemeinsam mit einer Juristin und Polizistin einen Krimi in der Gegenwart zu schreiben. Ich lerne dabei vor allem, wie viele meiner ursprünglich „dramatisch perfekten“ Ideen in echten Ermittlungen vermutlich nach drei Minuten illegal wären.
Ehrlich gesagt ist es auch das erste Mal, dass ich überhaupt gemeinsam mit jemandem an einem Manuskript arbeite. Was überraschend viel Spass macht! Und gelegentlich leichte Nervenschäden verursacht, wenn die nächste E-Mail mit neuem Storytelling eintrifft und ich noch keine Ahnung habe, welcher Verdächtige, welche Wendung oder welche Ermittlung mich im nächsten Kapitel erwartet.
Band 2 ist inzwischen ziemlich weit fortgeschritten. Der Kreis der Verdächtigen wird langsam unangenehm überschaubar. Die beiden Kripo-Ermittler, der ehemalige Schwinger Jonas Bauer und der deutlich jüngere Kosovare Kristjan Berisha, die sich langsam und immer mehr zusammenraufen, sind mir inzwischen so ans Herz gewachsen, dass ich mir gut vorstellen kann, noch einmal mit ihnen zusammenzuarbeiten. Gibt es also noch einen dritten Band? Ich gebe zu, die Kriminalarbeit gefällt mir inzwischen verdächtig gut!
Weissenburgbad... Manche Schauplätze sucht man sich aus und andere suchen sich dich aus. Durch einen Tipp haben wir zueinander gefunden, das ehemalige Weissenburgbad und ich.
Der historische Kurort wirkt auf alten Ansichtskarten erstaunlich harmlos. Elegante Kurgäste blicken einem an, es gab gepflegte Blumenbeete, imposante Wandelhallen und ein überwältigendes Bergpanorama. Aber wie immer interessieren mich die Geschichten hinter den Fassaden.
Die Menschen, die mit letzter Hoffnung zur Quelle reisten. Auch die Kranken, die Heilung suchten und vielleicht keine fanden. Vor allem die Damen der besseren Gesellschaft, die plötzlich länger blieben als geplant und ebenso die Herren, die diskret anreisten und noch diskreter wieder verschwanden. Was ist eine Geschichte ohne die Gerüchte, die Affären und die Skandale, über die man offiziell nie sprach.
Wo Menschen auf Hoffnung treffen, entstehen viele Geschichten - und wo viel Geld, Sehnsucht und Verzweiflung zusammentreffen, erst recht.
Sofort kommen viele Bilder in mir hoch die einen guten Roman ausmachen: Hoffnung und Enttäuschung; Reichtum und Abhängigkeit; Kranke, die gesund werden wollten; Gesunde, die etwas ganz anderes suchten; Verbotene Liebschaften; Heimliche Treffen; Und Menschen, die vor ihrem Alltag flohen und dabei womöglich mehr fanden, als ihnen lieb war.
10 Dinge über mich, die du bestimmt noch nicht weisst:
1. Ich habe die Angewohnheit. Fragen zu stellen, auf die niemand wirklich eine Antwort hat.
2. Ich bin der festen Überzeugung, dass alte Häuser sich an alles erinnern.
3. Ich hege eine grosse Liebe zu vergilbten Briefen.
4. Ich gebe die Hoffnung niemals auf, dass verlorene Geschichten, nicht wirklich verloren sind.
5. Ich beherrsche die Unfähigkeit, an einem Bahnhof einfach nur auf den Zug zu warten.
6. Ich kann an einer alten Ansichtskarte länger hängen bleiben als an vielen aktuellen Nachrichten.
7. Ich traue Leuten mit Geheimnissen mehr, als Leuten mit Antworten.
8. Ich höre bei Gesprächen, vor allem auf die Nebensätze.
9. Ich bin der festen Überzeugung, das Nebel einen Ort sofort interessanter macht.
10. Meine liebsten Gespräche laufen mit einer Partie Schach und einem guten Glas Wein ab. Wobei ich bis heute nicht sicher bin, ob die besseren Gedanken vom Schach oder vom Wein kommen.
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Wenn mich jemand nach meinen Lieblingsstädten fragt, nenne ich fast immer Venedig oder Verona.
Es ist nicht nur ihre Schönheit, die mich anzieht, sondern vor allem dieses Lebensgefühl, das dort zwischen diesen alten Mauern spürbar ist. Die barocke Opulenz, die Liebe zum Detail, die Geschichten von Casanova, Maskenbällen, verbotenen Begegnungen und die grossen Leidenschaften - denken wir an Romeo und Julia.
In diesen Städten scheint die Vergangenheit nie ganz verschwunden zu sein. Hinter jeder Tür könnte sich ein Geheimnis verbergen und hinter jedem Fenster eine Geschichte warten. Lange Zeit glaubte ich, für dieses Gefühl nach Italien reisen zu müssen.
Bis ich Solothurn für mich entdeckte. Glücklicherweise habe ich dort diese besondere Atmosphäre wieder gefunden. Die barocken Fassaden, die eleganten Gassen und die Spuren vergangener Jahrhunderte. Solothurn besitzt eine stille Form von Grandezza. Vielleicht weniger dramatisch als Venedig, aber doch voller Geschichten.
Ich glaube eines Tages wird Solothurn auch mal zum Schauplatz eines meiner Romane, so erste Ideen habe ich schon dazu.
Schmetterlinge und Vögel begleiten mich schon lange. Ich denke, es liegt daran, weil sie etwas verkörpern, das auch im Schreiben eine grosse Rolle spielt. Der Schmetterling erinnert mich daran, wie aus einer kleinen Idee langsam eine Geschichte entsteht. Zuerst kaum sichtbar, dann immer deutlicher, bis sie schließlich ihre Flügel ausbreitet.
Vögel hingegen stehen für mich für Freiheit, Fernweh und die Fähigkeit, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
Beide tragen etwas Leichtes und Flüchtiges in sich. Man kann sie nicht festhalten, ohne ihnen etwas von ihrer Schönheit zu nehmen. Auch das Geschichten schreiben lässt sich nicht erzwingen. Die Gedanken kommen zu uns, landen für einen Augenblick in unserer Nähe und wenn wir aufmerksam genug sind, dürfen wir sie ein Stück ihres Weges begleiten.
Als ich begann, mich mit meiner Ahnenforschung zu beschäftigen, erwartete ich nostalgische Namen, Daten und spannende Orte. Doch was ich fand, war etwas ganz anderes. Je tiefer ich in die Geschichten meiner Vorfahren eintauchte, desto öfter begegnete ich mir selbst.
Ich entdeckte Stärken, die mir vertraut vorkamen. Aber auch Schwächen, wiederkehrende Muster, Entscheidungen, Hoffnungen und Sehnsüchte, die Generationen überdauert hatten.
Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass Geschichte nicht nur aus großen Ereignissen besteht, sondern in Familien weiterlebt - in Charakterzügen, Ängsten, aber auch in Träumen.
Von da an begann ich historische Romane anders zu betrachten, denn plötzlich erkannte ich das System hinter den Geschichten. Menschen verändern zwar ihre Kleidung, ihre Sprache und ihre Lebens-umstände - doch ihre Wünsche, Konflikte und Hoffnungen bleiben erstaunlich ähnlich. Seitdem fliesst diese Erkenntnis in meine Romane ein. Wenn ich über vergangene Jahrhunderte schreibe, schreibe ich nicht über fremde Menschen, sondern ich schreibe über uns - mit anderen Klamotten und liebenswerten Eigenheiten - der jeweiligen Epoche angepasst.